Ausgabe 23/2010 - Mit Riester in den Jahres-Endspurt
Noch immer sind Riester-Sparer mit Zulagenanträgen & Co. überfordert und verschenken Milliarden. Auch im Vertrieb ist noch Luft nach oben
Die staatlich geförderte Riester-Rente ist noch lange nicht ausgeschöpft. Vermittler sollten diese Form der Altersvorsorge in den Mittelpunkt des Jahresendgeschäfts stellen. Denn erfahrungsgemäß wird rund ein Drittel der Riester- Verträge in den letzten beiden Monaten eines Jahres abgeschlossen.
Seit Einführung der Riester-Rente im Jahr 2001 haben Altersvorsorge-Sparer knapp 14 Millionen Riester-Verträge abgeschlossen (siehe Tabelle). Das Potenzial ist jedoch weit höher: Neben den insgesamt rund 28 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten haben weitere Gruppen wie Beamte und geringfügig Beschäftigte Anspruch auf einen staatlich geförderten Vorsorge-Vertrag nach dem Riester-Modell.
Eine Milliarde verschenkt.
Alle, die trotz Berechtigung keinen Riester-Vertrag abschließen, verschenken nach Berechnungen der Gothaer Versicherung staatliche Zuschüsse im Wert von mindestens 3,5 Milliarden Euro. Noch schwerer wiegt aber, dass Sparer, die bereits in einen Riestervertrag einzahlen, auf ihre Zulage verzichten. Das Problem aus den Anfangsjahren setzt sich damit trotz aller Aufklärungsbemühungen fort. Vermittler sollten dies zum Anlass nehmen, mehr Augenmerk auf die Verträge im Bestand zu legen.
Allein im Beitragsjahr 2007 verschenkten Riester-Sparer rund 977 Millionen Euro an Zulagen. Dies entspricht rund 40 Prozent der vom Staat eigentlich eingeplanten Zuschüsse. Pro Sparer und Vertrag sind das durchschnittlich 140 Euro.
Antrag vergessen.
Rund zwei Drittel der entgangenen Förderung ist schlicht darauf zurückzuführen, dass die erforderlichen Zulagenanträge nicht gestellt wurden (siehe Grafik). Der Rest des Geldes wurde wegen mangelnder Ausschöpfung nicht abgerufen. In diesen Fällen gewährte der Staat die Förderung nur in gekürzter Form, da die Sparer nicht den mindestens notwendigen Eigenbeitrag einzahlten. Für das Jahr 2007 waren dies drei Prozent des sozialversicherungspflichtigen Vorjahres- Bruttoeinkommens.
Frist für 2008 läuft ab.
Im Bundesdurchschnitt schöpfen nur etwa 44 Prozent aller Inhaber von Riester-Policen ihre Förderung voll aus. 25 bis 30 Prozent der Vertragsinhaber erhalten überhaupt keine Zulagenförderung. Das sind die Ergebnisse des diesjährigen Vorsorgeatlas Deutschland, der vom Forschungszentrum Generationenverträge der Universität Freiburg im Auftrag von Union Investment erstellt wurde. „Gerade die Hälfte der Riester-Sparer macht alles richtig“, sagt Professor Bernd Raffelhüschen, der den Vorsorgeatlas erstellt hat. Die Zahlen beziehen sich auf 2007, weil für dieses Jahr keine Zulagenanträge mehr möglich sind. Für 2008 läuft die zweijährige Frist noch bis Ende dieses Jahres. Doch die vorläufigen Zahlen zeigen, dass sich an der Tendenz nicht viel ändern wird.
Männer nachlässiger als Frauen.
Ohne Zulagen geht die gesamte Renditerechnung nicht auf. Machen Sie Ihren Kunden deutlich, dass das wie Autofahren mit angezogener Handbremse ist. Am Ende fehlt das Geld bei der dringend notwendigen privaten Altersvorsorge.
In der regionalen Betrachtung zeigt sich dabei ein West-Ost-Gefälle. Vor allem in vielen östlichen Bundesländern, wo es überdurchschnittlich viele Riester-Verträge gibt, verzeichnet der Vorsorgeatlas die geringsten Zulagenantrags- und Ausschöpfungsquoten. Dagegen sind Sparer aus Bayern und Baden-Württemberg meist sehr auf ihre Zulagen bedacht. Generell fällt auch auf: Männer verzichten häufiger auf die Zulage als Frauen, deren Beantragungsquote um vier Prozentpunkte höher liegt. Auch das Alter spielt offenbar eine Rolle: Viele der 25- bis 34-jährigen Vertragsinhaber schöpfen die Zulagen nicht voll aus, weil ihre Eigenbeiträge zu niedrig ausfallen. „Mit Blick auf den Zinseszinseffekt wirkt sich das gerade bei jungen Sparern besonders deutlich auf die private Zusatzrente aus“, sagte Hans Joachim Reinke, Vorstandsvorsitzender von Union Investment.
Kinder-Zulage hilft.
Bezieher niedriger Einkommen erhalten häufiger die volle Zulage und haben höhere Ausschöpfungsquoten. Auch Kinder sorgen offensichtlich für eine höhere Disziplin beim Stellen von Anträgen. 70,6 Prozent der Empfänger von Kinderzulagen erhalten die Förderung ungekürzt, während es bei allen Zulagenempfängern nur 60,1 Prozent sind. Dagegen sinkt die Ausschöpfungsquote mit zunehmenden Einkommen. In der Einkommensklasse 50 000 bis 60 000 Euro jährlich liegt der Anteil ungekürzter Zulagen bei nur 44,5 Prozent. In der Einkommensklasse 10 000 bis 20 000 Euro sind es dagegen 55,5 Prozent.
Anpassung verpasst.
Die Ergebnisse zeigen, dass auch mit dem Dauerzulagenantrag, den es seit 2005 gibt, die Probleme bei der Riester-Rente nicht gelöst sind. Denn die Sparraten müssen regelmäßig mit dem Einkommen abgeglichen werden, wenn die Förderung in voller Höhe fließen soll. „Offenbar versäumen es viele, bei Jobwechseln oder Gehaltserhöhungen ihre Beiträge anzupassen“, sagt Raffelhüschen. Viele verschätzen sich auch, wenn es um die Angabe ihres sozialversicherungspflichtigen Einkommens geht.
Außerdem bergen Vertragsabschlüsse zum Jahresende häufig die Gefahr, dass der Versicherungsnehmer den notwendigen Mindesteigenbeitrag für das Gesamtjahr nicht in einer Summe aufgebringen kann. Für zusätzliche Verwirrung sorgt auch die sogenannte „Riestertreppe“ mit steigenden Mindesteigenbeiträgen und Fördersätzen.
Politik gefordert.
Neben Anbietern und Vermittlern kann auch die Politik zur höheren Ausschöpfung der Zulagen beitragen. So sollte der Gesetzgeber den Riester-Sparern mitteilen, wie viel Euro für den Erhalt der vollen Zulage noch fehlen, fordert Reinke. Denn die bei der Deutschen Rentenversicherung angesiedelte Zentrale Zulagenstelle für Altersvermögen (ZfA) verfügt über die notwendigen Angaben. Außerdem sollten Sparer in Zukunft die Chance bekommen, fehlende Summen für das vergangene Beitragsjahr innerhalb einer festen Frist des Folgejahres nachzuzahlen, um die volle Förderung doch noch zu erhalten. Bislang können nur die Zulagenanträge noch nachträglich gestellt werden.
Hoher Sparbeitrag vom Fiskus.
Richtig angepackt ist und bleibt die Riester-Rente für Zulagenberechtigte der wichtigste Baustein bei der privaten Altersvorsorge. Das gilt für Gering-, Normal- und Spitzenverdiener, egal ob mit oder ohne Kinder. Denn das zweiteilige Fördersystem – familienfreundliche Zulagen und einkommensabhängige Steuervorteile – stellt sicher, dass sich Riestern über alle Einkommensschichten hinweg unabhängig vom Familienstand lohnt. Vorausgesetzt, die Förderung wird nicht verschenkt!
Beispielsweise muss eine Familie mit zwei Kindern (eines nach 2008 geboren) jährlich nur 1287 Euro an Eigenbeitrag aufwenden, während dank der umfangreichen Förderung insgesamt 2080 Euro in den Riester-Vertrag fließen. Knapp 40 Prozent übernimmt also der Staat. Der Mann mit einem Vorjahreseinkommen von 32 000 Euro erreicht mit Grundzulage und Kinderzulage (485 Euro) eine Förderquote von fast 50 Prozent. Seine Ehefrau (Vorjahreseinkommen 20 000 Euro) muss 800 Euro aufbringen, aber nur 646 Euro selbst einzahlen, was einer Förderquote von 19 Prozent entspricht. Natürlich können auch der Frau die Kinder zugeordnet werden, was ihr dann eine Förderquote von 80 Prozent einbringt. Am gesamten Eigenbeitrag für die Familie ändert das aber nichts.
Steuervorteile vorrechnen.
Gut verdienende Singles erreichen zwar nur eine geringere Förderquote, profitieren dafür aber von den Steuervorteilen. Zum Beispiel muss ein sehr gut bezahlter Angestellter selbst 1946 Euro jährlich einzahlen. Die Differenz zum steuerlich absetzbaren Höchstbeitrag wird über die Grundzulage (154 Euro) aufgefüllt. Das sieht zunächst nur nach einer Förderquote von gut sieben Prozent aus. Doch im Rahmen der Steuererklärung kann er 2100 Euro als Sonderausgaben geltend machen. Bei einem Grenzsteuersatz von 42 Prozent würde sich eine Steuererstattung von 882 Euro ergeben. Abzüglich der Zulage überweist das Finanzamt also 728 Euro. Damit übernimmt der Staat auch in diesem Fall rund 40 Prozent der Sparraten.
Verträge mit Garantie.
Für den Vertrieb stehen
ausgezeichnete Tarife zur Verfügung, die das Institut für Vorsorge und Finanzplanung auf Sicherheit, Rendite, Flexibilität und Transparenz getestet hat. Auch Fondssparern bietet die Riester-Rente zusätzliche Sicherheit: Denn die eingezahlten Beiträge und Zulagen muss der Anbieter zum Ende der Laufzeit garantieren – unabhängig wie es an der Börse läuft. Riester-Rente heißt zudem nicht nur monatliche Rente. Zu Rentenbeginn können auf Wunsch 30 Prozent des Guthabens auf einmal entnommen werden.
Noch ein weiterer Punkt sollte auf der Liste Ihrer Verkaufsargumente nicht fehlen: Den Lebensabend im wärmeren Ausland zu verbringen und trotzdem Riester-Rente zu beziehen – dies schließt sich nicht mehr aus! Der Europäische Gerichtshof (Az. C 269/07) entschied unter anderem, dass die staatlichen Fördergelder nicht mehr zurückgezahlt werden müssen, wenn Rentner im Alter ihren Wohnsitz in das EU-Ausland verlegen.

 
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